Śrī Śrī Rāga Vartma Candrikā – “Mondlicht auf dem Pfad der leidenschaftlichen Hingabe”, Text 5 (GERMAN)

TEXT 5:

tatra lobho lakṣitaḥ svayaṁ śrī rūpa gosvāmī caraṇair eva –
tat tad bhāvādi mādhurye śrute dhīr yad apekṣate nātra śāstraṁ na yuktiṁ ca tal lobhotpatti lakṣaṇam (B.R.S. 1.2.292)
vrajalīlā parikarastha śṛṅgārādi bhāva mādhurye śrute dhīr idaṁ mama bhūyāt iti lobhotpatti-kāle śāstra yukty apekṣā nā syāt satyāṁ ca tasyāṁ lobhatvasyaivāsiddheḥ. nahi kenacit śāstra dṛṣṭyā lobhaḥ kriyate nāpi lobhanīya vastu prāptau svasya yogyāyogyatva vicāraḥ ko’py udbhavati. kintu lobhanīya vastuni śrute dṛṣṭe vā svata eva lobha utpadyate.

“Śrīla Rūpa Gosvāmī hat persönlich folgende Definition von lobha (heiliger Begierde) in seinem Śrī Bhakti Rasāmṛta Sindhu gegeben:

„Wenn das Herz nach den Gefühlen zwischen Kṛṣṇa und Seinen ewigen Gefährten in Vraja verlangt und man nicht von schriftlichen Anweisungen oder logischen Argumenten abhängig ist, dann ist das die Definition von ‘die Ursache von heiliger Begierde’.
Wenn jemand denkt: ‘Lass mich auch diese Gefühle erreichen’, nachdem er beispielsweise über die transzendentalen erotischen Gefühle der ewigen Gefährten (der gopīs) von Vraja Kṛṣṇa gegenüber gehört hat, dann braucht man nicht mehr auf die zustimmende Erlaubnis der offenbarten Schriften oder auf logische Argumente warten. Wenn solche Impulse (die Schriften und Argumente) da sind, kann nicht von heiliger Begierde gesprochen werden. Diese Begierde entsteht niemals in jemandem auf dieser Grundlage. Auch bedenkt der Kandidat nicht, ob er für den Pfad der rāgānugā bhakti qualifiziert ist oder nicht. Einfach, wenn er über das gewünschte Objekt hört oder es sieht, wird diese heilige Begierde in ihm aufsteigen.”

Kṛpā-kaṇikā Vyākhyā:

Hier beschreibt der gesegnete Autor die Ursache des Wunsches nach rāgānugā bhakti (der seine Wurzeln in heiliger Begierde hat), das Mittel, um Begierde zu erreichen und die Symptome der Begierde. Wenn man nur etwas Erfahrung durch das Hören der süßen Geschichten des Śrīmad Bhāgavata und der anderen līlā granthas (Bücher, welche die Gefühle, Formen und Attribute der Vrajavāsīs wie Śrī Nanda und Yaśodā beschreiben und so Śrī Kṛṣṇas Sinne erfreuen) der rasika bhaktas erlangt, wird man unabhängig von den Anweisungen der Schriften und von logischen Argumenten. Dann entwickelt sich ein gewisses Bewusstsein; ein Wunsch nach diesen süßen Gefūhlen. Das bezeichnet man als grundsätzliche Ursache fūr heilige Begierde.

Śrīmat Jīva Gosvāmīpāda schrieb in seinem Gopāla Campū grantha (Pūrva 1.81):

harir gopa-kṣauṇī-pati mithunam anye ca vividhā
na naḥ krūraṁ cittaṁ mṛdulayitum īśā lavam api
aho! teṣāṁ premā vilasati harau yas tu balavān
harer vā yas teṣu drutayati sa eva pratipadam

“Weder Hari selbst noch Goparāja Śrī Nanda noch Vrajeśvarī Yaśodā und auch kein anderer Einwohner von Vraja, konnten mein grausames Herz auch nur etwas erweichen. Ach! Aber durch die ständige Meditation ūber die natürliche Liebe der Vrajavāsīs fūr Śrī Kṛṣṇa und Śrī Kṛṣṇas natürliche Liebe fūr die Vrajavāsīs, wurde mein Herz erweckt und beginnt zu schmelzen!” Das ist die Definition von: “lobha erwacht.”

Obwohl Anhaftungen an den Herrn grundsätzlich gleich sind, so gibt es dennoch Unterschiede in Bezug auf die Selbstidentifikation eines Geweihten und die Art, wie sich der Herr manifestiert. Vrajendranandana ist die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes, die vollständige Manifestation von sowohl aiśvarya als auch mādhurya und das Objekt liebender Anhaftung. Auch die Geweihten sind geeignet, die Süße des Herrn, je nach Ausmaß der Liebe, die sie für Ihn haben, zu kosten. Das führt dazu, dass ihre Selbstidentifikation in Beziehung zu Ihm vertieft wird. In Vraja gibt es vier Haupt – Geschmäcker (rasas) – dāsya, sakhya, vātsalya und mādhurya. Von diesen ist sakhya köstlicher als dāsya, vātsalya köstlicher als sakhya und mādhurya köstlicher als vātsalya. Mādhurya bhāva sollte als das Höchste verstanden werden.

Die Liebe der Diener des Herrn ist von Achtung und Ehrfurcht gekennzeichnet. Obwohl Kṛṣṇas Diener in Vraja, wie Raktaka und Patraka, den Herrn nicht als höchsten Herrn betrachten, sehen sie Ihn doch als Sohn Vrajeśvara Nanda Mahārāja, einen Prinzen, und in dieser Art sehen sie Śrī Kṛṣṇa als Herrn. Sakhya bhāva sollte als höhere Form der Liebe betrachtet werden, weil Śrī Kṛṣṇas Freunde wie Śrīdāma und Subala sich mit Ihm auf einer Stufe sehen. Ihre Liebe ist frei von Achtung und Ehrfurcht. In dieser liebevollen Haltung: kāndhe caḍe kāndhe caḍāya kore krīḍā raṇa; kṛṣṇe seve kṛṣṇe korāya āpana sevana (C.C.) “Sie steigen auf Seine Schultern und erlauben Ihm auf ihre Schultern zu steigen und kämpfen spielerisch mit Ihm.” So dienen sie Kṛṣṇa und Kṛṣṇa dient auch ihnen.” Hier sehen wir die besondere Süße von Śrī Kṛṣṇa umringt von den Kuhhirtenfreunden, die alle mit sakhya bhāva, ausgestattet sind. Im Śrīmad Bhāgavata heißt es:

śyāmaṁ hiraṇya paridhiṁ vanamālā barha,
dhātu prabāla naṭaveśam anuvratāṁse
vinyasta hastam itareṇa dhunānam abjaṁ,
karṇotpalālaka kapola mukhābja hāsam
(Bhāgavata 10.23.22)

“Śrī Śyāmasundara trug gelbe Gewänder und hatte eine Girlande aus Waldblumen um den Hals, eine bezaubernde Krone aus Pfauenfedern auf Seinem Kopf, ein Tanzkleid gefärbt mit Pigmentfarbe aus Rubinen um Seine Taille, Sein linker Arm ruhte auf der Schulter eines Freundes, der neben Ihm stand, und Er drehte einen Lotos in Seiner rechten Hand. Er trug Lotosblumen an Seinen Ohren, Seine Wangen wurden umspielt von schwarzen Locken und Sein lotosgleiches Gesicht wurde durch ein sanftes, süßes Lächeln verschönt.”

Aus dieser Aussage können wir sehen, dass Śrī Kṛṣṇas Erscheinung attraktiver ist, wenn Er mit Seinen Geweihten zusammen ist, die eine freundschaftliche Stimmung zu Ihm haben, als mit jenen, die eine dienende Haltung Ihm gegenüber haben.
Um ein Mehrfaches süßer ist Śrī Kṛṣṇas Erscheinung, wenn Er mit den Geweihten zusammen ist, die eine elterliche Haltung zu Ihm haben, wie Sein Vater oder Seine Mutter, als das mit Seinen Freunden der Fall ist. Im Śrīmad Bhāgavata wird das von Śrī Śuka Muni beschrieben:

kṛtāgasaṁ taṁ prarudantam akṣiṇī kaṣantam añjan maṣiṇī sva pāṇinā
udvīkṣamāṇaṁ bhaya vihvalekṣaṇaṁ haste gṛhītvā bhiṣayantyabāgurat (10.9.11)

“Während des Dāma-bandhana līlā weinte Kṛṣṇa, der ungezogen gewesen war und rieb Seine Augen mit Seinen Händen, sodass die Farbe auf Seinen Augen über Sein ganzes Gesicht verteilt wurde. Obwohl Śrī Yaśodā sah, dass ihr Sohn von Angst überwältigt war, hielt sie Seine Hand fest und schimpfte mit Ihm, nur um Ihn einzuschüchtern.” Weil Kṛṣṇa in dieses Spiel mit Seinen Geweihten, die eine elterliche Stimmung haben, überaus vertieft war, sah Er sogar noch anziehender aus, mehr noch als mit den freundschaftlichen Geweihten. Er wird niemals vor Seinen Freunden oder Dienern Angst zeigen, wie das hier der Fall war. Je nach Intensitāt der Vertiefung in die transzendentalen Spiele muss definitiv auch eine stārkere Intensitāt der SūḶe angenommen werden.
Die süße Liebe der Vrajasundarīs, die mit mahā bhāva ausgestattet sind, wird als besonders speziell angesehen, da sie durch die große Vertiefung in ihre Liebe zum Herrn alles vergessen haben, mehr noch als diejenigen, die in freundschaftlicher oder elterlicher Stimmung. Daher ist Seine Erscheinung wahrlich unvergleichlich, wenn Er in ihrer Gegenwart ist. Śrī Kṛṣṇa saḶ am Ufer der Yamunā neben den gopīs während der Rāsa-Nacht. Śrī Śuka Muni beschrieb die großartige Erscheinung Seiner Süße während dieser Nacht wie folgt:

tatropaviṣṭo bhagavān sa īśvaro; yogeśvarāntar hṛdi kalpitāsanaḥ
cakāsa gopī pariṣad gato’rcitas trailokya lakṣmyeka padaṁ vapur dadhat
(Bhāgavata 10.32.14)

“Śrī Kṛṣṇa, die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes, den die Könige der yogīs während ihrer Meditation in ihre Herzen setzen, setzte sich auf einen Sitz, den die gopīs fūr Ihn, mit ihren Kleidern, gemacht haben. Als er so von den Gopa-sundarīs geehrt und umringt war, zeigte er eine Form, die die Schönheit aller drei Welten beinhaltete.”
Von diesen, mit mahā bhāva-ausgestatteten Vrajasundarīs, ist die Liebe von Śrī Rādhārāṇī, die mit mādanākhya mahā bhāva ausgestattet ist, die größte.

In Ihrer Gegenwart manifestiert sich Śrī Kṛṣṇa in der höchst wunderschönen Weise.
Die sakhīs und mañjarīs, die bei Ihr Zuflucht gesucht haben, tauchen in einen Ozean vom Yugala Mādhurī.
Śrīman Mahāprabhu und die ācāryas, die Zuflucht bei Ihm gesucht haben, predigten der Welt die Verehrung durch Rādhās Dienst oder mañjarī bhāva.
Wenn der Anwärter die Gnade einer großen Seele erlangt hat, die Zuflucht bei dieser mañjarī bhāva gesucht hat, und er über die Fachkundigkeit der Ausführung von Dienst zum göttlichen Paar der ewigen Dienerinnen wie Rūpa Mañjarī und Rati Mañjarī hört, wird er begierig nach diesen Gefühlen, ohne sich um die Anweisungen der Schriften oder logische Argumente zu kümmern. Das ist es, was den rāgānugā bhajana der Gauḍīya Vaiṣṇavas antreibt.

Wenn man von schriftlichen Anweisungen oder logischen Argumenten abhängig ist, kann man nicht von wirklicher Begierde sprechen, da niemand begierig durch schriftliches Wissen wird. Wenn man das gewünschte Objekt sieht oder von ihm hört, erwacht die Begierde automatisch. Es wird dann überhaupt keine Überlegung geben, ob man dafür qualifiziert ist es zu bekommen oder nicht.

rāgamayī bhaktira hoy rāgātmikā nāma;
tāhā śuni lubdha hoy kon bhāgyavān
lobhe vrajavāsi-bhāve kore anugati;
śāstra-yukti nāhi māne – rāgānugāra prakṛti (C.C.)

“Hingabe voller heiliger Begierde nennt sich rāgātmikā. Wenn eine glückliche Seele nach dieser Hingabe begierig wird, folgt sie entschlossen den Gefühlen der Einwohner von Vraja, ohne sich um schriftliche Anweisungen oder logische Argumentation zu kümmern. Das ist die Natur von rāgānugā bhakti.” (5)