TEXT 2:
śrīmad bhakti sudhāmbhodher bindur yaḥ pūrva darśitaḥ
tatra rāgānugā bhaktiḥ sankṣiptātra vitanyate
”In meinem Buch ‘Bhakti Rasāmṛta Sindhu Bindu’ (ein Tropfen aus dem Ozean des hingebungsvollen Geschmacks) habe ich bereits eine kurze Beschreibung der rāgānugā bhakti (Hingabe, die der spirituellen Leidenschaft folgt) gegeben. Hier in diesem Rāga Vartma Candrikā beschreibe ich das Thema ausführlicher.”
Kṛpā-kaṇikā Vyākhyā:
Śrīla Viśvanātha Cakravartīpāda hat ein kleines Buch mit Namen „Bhakti Rasāmṛta Sindhu Bindu“ verfasst. Es enthält die Essenz von Śrīmat Rūpa Gosvāmīpādas „Bhakti Rasāmṛta Sindhu“.
In diesem Buch hat er in Kürze die Eigenschaften und Arten der Hingabe, die 64 Glieder des bhajana, die 32 zu vermeidenden Vergehen gegen die Bildgestalten, die zehn Vergehen gegen den heiligen Namen, die Definition von vaidhi bhakti und rāgānugā bhakti, die neun Symptome von erwachender prīti, die Anzeichen von prema, rasa, vibhāva, anubhāva, die acht sāttvika Ekstasen, die 33 vyabhicārī-bhāvas, sthāyi bhāva, Erklärungen der rasas angefangen mit śānta, förderliche und hinderliche Eigenschaften für diese rasas, rasābhāsa und andere Dinge erklärt.
Die Gauḍīya Vaiṣṇavas praktizieren rāgānugā mārga bhajana.
Śrī Rūpa, Sanātana und die anderen Gauḍīya Vaiṣṇava Ācāryas sind die ācāryas der rāgānugā, nicht des vidhi mārga bhajana.
Rāga mārga bhajana ist ein ausgesprochen umfassendes Thema, daher haben es die Gosvāmīs wie Śrī-Śrī Rūpa-Sanātana ausführlich in ihren Büchern beschrieben.
Deshalb konnte sich Śrīla Viśvanātha Cakravartīpāda nicht mit einer kurzen Beschreibung des rāga mārga im „Bhakti Rasāmṛta Sindhu Bindu“ zufrieden geben und hat daher die Methode des rāgānugā mārga bhajana in diesem Buch, „Rāga Vartma Candrikā“, ausführlicher beschrieben, einfach um das Thema verständlicher für jeden zu machen.
Somit ist es die Pflicht aller rāga mārga sādhakas, dieses Buch aufmerksam zu studieren. (2)
TEXT 3:
vaidhī bhaktir bhavet śāstraṁ bhaktau cet syāt pravartakam
rāgānugā syac ced bhaktau lobha eva pravartakaḥ
“Wenn Hingabe durch die Anweisungen der Schriften ausgelöst wird, nennt man sie vaidhi bhakti, wenn sie durch spirituelle Begierde (lobha) ausgelöst wird, dann nennt man sie rāgānugā bhakti.”
Kṛpā-kaṇikā Vyākhyā:
Wir haben erklärt, dass es zwei Arten der sādhana bhakti gibt – ‘vaidhi’ und ‘rāgānugā’.
Hier gibt der Autor die Eigenschaften dieser zwei Arten der Hingabe bekannt. Wenn Hingabe durch Anweisungen aus den Schriften entsteht, dann handelt es sich um vaidhi bhakti. Das heißt, dass die offenbarten Schriften beschreiben, wie diejenigen, die sich gegen eine Verehrung Śrī Haris wenden, leiden werden, indem sie weiterhin durch viele bemitleidenswerte Arten des Lebens wandern als auch durch deren Formen reisen müssen.
Der vaidhi bhakti bhajana beginnt mit der Angst vor diesen Leiden.
Im „Śrī Bhakti Rasāmṛta Sindhu“ wird eine Definition von vaidhi bhakti gegeben –
yatra rāgānavāptatvāt pravṛttir upajāyate
śāsanenaiva śāstrasya sā vaidhī bhaktir ucyate (1.2.6)
“Die Hingabe, die weder Anhaftung noch Begierde kennt und durch die Anweisungen der Schriften ausgelöst wird, heißt vaidhi bhakti.”
In seinem Kommentar zu diesem Vers hat Viśvanātha Cakravartīpāda geschrieben – rāgo’tra śrī mūrter darśanād daśama skandhīya tat tal līlā śravaṇāc ca bhajana lobhaḥ. –
“Das Wort rāga kann benutzt werden, wenn die Verehrung durch heilige Begierde ausgelöst wird, nachdem man die schöne Bildgestaltenform des Herrn gesehen hat oder nachdem man von Seinen Spielen aus dem zehnten Canto des Śrīmad Bhāgavata gehört hat.”
Wenn Verehrung nicht durch solche Begierde ausgelöst wird, sondern durch die Anweisungen der Schriften, nennt man sie vaidhi bhakti.
Im Śrīmad Bhāgavata (11.5.2-3) gibt es eine klare, schriftliche Warnung an alle, die gegen die Verehrung Gottes sind in den Worten des Herrn:
mukha bāhūru pādebhyaḥ puruṣasyāśramaiḥ saha
catvāro jajñire varṇā guṇair viprādayaḥ pṛthak
ya eṣāṁ puruṣaṁ sākṣād ātma-prabhāvam īśvaram
na bhajantyavajānanti sthānād bhraṣṭāḥ patantyadhaḥ
“Aus dem Gesicht, den Armen, den Schenkeln und den Füßen des Puruṣa (der universalen Form) wurden die vier sozialen Stände, wie brāhmaṇas, die guṇas, wie sattva und die vier Stufen des Lebens, wie Haushälterleben, nach und nach manifestiert. Jene innerhalb des varṇāśrama Systems, die ihren eigenen Ursprung, Śrī Hari, nicht verehren und Ihn daher missachten, werden von ihrer sozialen Position fallen.”
cāri varṇāśramī yadi kṛṣṇa nāhi bhaje; sva-dharma koriyā-o raurave paḍi maje (C.C.) – “Jene in den vier sozialen Ständen, die Kṛṣṇa nicht verehren, werden in die Hölle fallen, selbst wenn sie ihre beruflichen Pflichten erfüllen.”
Die Art der Verehrung oder bhajana mārga, welche durch schriftliche Unterweisungen ausgelöst wird, heißt vaidhi mārga.
Die Art der Verehrung, die ausgelöst wird durch Begierde, verursacht durch Hören von den Spielen Śrī Kṛṣṇas, heißt rāgānugā mārga.
Śrīmat Rūpa Gosvāmīpāda hat folgende Definition von rāgānugā gegeben:
virājantīm abhivyaktaṁ vrajavāsi-janādiṣu
rāgātmikām anusṛtā yā sā rāgānugocyate
(Bhakti Rasāmṛta Sindhu 1.2.270)
“Die Hingabe, die deutlich in den ewigen Gefährten von Vraja gegenwärtig ist, heißt rāgātmikā bhakti, und Hingabe, die dieser rāgātmikā bhakti folgt, heißt rāgānugā bhakti.”
rāgātmikā bhakti mukhyā vrajavāsi-jane
tāra anugatā bhakti rāgānugā nāme (C.C.)
“Die Einwohner von Vraja praktizieren rāgātmikā bhakti, und Hingabe, die dieser folgt, nennt man rāgānugā.”
In seinem Werk „Bhakti Sandarbha“, Anuccheda 310, schreibt Śrīmat Jīva Gosvāmīpāda:
atra viṣayiṇaḥ svābhāviko viṣaya saṁsargecchātiśayamayaḥ premā rāgaḥ yathā cakṣur ādīnāṁ saundaryādau;
tādṛśa evātra bhaktasya śrī bhagavatyapi rāga ityucyate.
…
yasya pūrvokte rāga viśeṣe rucir eva jātāsti na tu rāga viśeṣa eva svayaṁ tasya tādṛśa rāga sudhākara karābhāsa samullasita hṛdaya sphaṭika maṇeḥ śāstrādi śrutāsu tādṛśyā rāgātmikāyā bhakteḥ paripāṭiṣvapi rucir jāyate. tatas tadīyaṁ rāgaṁ rucyānugacchantī sā rāgānugā tasyaiva pravartate.
“Die natürliche Liebe und der Wunsch eines Sinnengenießers nach seinem Lieblingsobjekt nennt sich rāga. So wie die Augen zu wunderschönen Szenen und andere Sinne zu ihren Lieblingsobjekten hingezogen sind und dazu keine Ermutigung benötigen, in ähnlicher Weise fühlt sich das Herz eines Geweihten natürlicherweise zum Herrn hingezogen. Dieser unruhige Durst nach Liebe wird rāga genannt.
…
Wenn nur der Anschein von Mondstrahlen dieses rāga (der sich in den Herzen der ewigen Gefährten von Kṛṣṇa befindet) auf das kristallgleiche Herz eines Geweihten, der nur ein wenig Geschmack am oben beschriebenen rāga hat, aber noch nicht den wirklichen rāga entwickelt hat, fällt, dann erfreut sich das ganze Herz. Wenn er dann von den Schriften lernt, entwickelt er Geschmack für den ausgezeichneten hingebungsvollen Dienst dieser rāgātmikā Geweihten.”
Die Zusammenfassung dessen ist, dass in den Geweihten, deren Herzen von Lust, Zorn, Gier und Neid frei sind und die aus den Schriften und aus dem Mund von Heiligen über den fachkundigen hingebungsvollen Dienst der rāgātmikā bhaktas hören, Geschmack erwachen wird. Mit solchem ruci (Geschmack) werden sie ihnen folgen und so wird ihre rāgānugā bhakti beginnen. So sollte es verstanden werden. (3)
TEXT 4:
bhaktau pravṛttir atra syāt taccikīrṣa suniścayā
śāstrāl lobhāt tac cikīrṣu syātāṁ tad adhikāriṇau
“Beschäftigung in Hingabe nach Maßgabe der Schriften bedeutet, dass man den ausschließlichen Wunsch hat, hingebungsvolle Praxis auszuführen. Die beiden Arten von Kandidaten für hingebungsvollen Dienst (vaidhi und rāgānugā) beginnen aufgrund von zwei verschiedenen Gründen: Angst vor den schriftlichen Anweisungen (der vidhi bhakta) und intensive Begierde (der rāgānugā bhakta).”
Kṛpā-kaṇikā Vyākhyā:
Auf dem bhakti sādhana mārga gibt es keine Beachtung von Qualifikation oder Unterscheidung zwischen verschiedenen Stufen der Praktizierenden, so wie es auf den Pfaden des jñāna, karma und anderen sādhana mārgas der Fall ist.
Bhakti ist ein sādhana Pfad, der von allen beschritten werden kann. Bhakti nützt allen, ob mit gutem Betragen oder schlechtem Betragen, gelehrt oder unwissend, angehaftet oder losgelöst.
Da bhakti ein Pfad für jeden ist, gibt es keine Beschränkungen für irgendjemanden ihn zu gehen.
Der einzige Fakt, der verursacht, mit der Praxis von bhakti zu beginnen, ist einfach der starke Wunsch, an den verschiedenen Praktiken (kīrtana, japa, Meditation oder Festlichkeiten) teilzuhaben.
Dieser Wunsch kann durch zwei Ursachen entstehen.
Einer ist Angst vor den Anweisungen der Schriften, die beschreiben, dass alle Lebewesen den Herrn verehren sollten. So beginnt man bhakti aus Angst, denn sonst gibt es bestimmte Schwierigkeiten.
Der andere entsteht, wenn man aus den Schriften von der großartigen Liebe der ewigen Gefährten des Herrn hört, und aus heiliger Begierde heraus beginnt man sich bhajana zu wünschen.
Das sind die zwei Kandidaten für bhakti. Śrīmat Rūpa Gosvāmī hat Definitionen für beide gegeben. Die Definition für den Kandidaten des vaidhi mārgas ist wie folgt:
yaḥ kenāpyati bhāgyena jāta śraddho’sya sevane
nātisakto na vairāgya bhāgasyām adhikāryasau
(Bhakti Rasāmṛta Sindhu 1.2.14)
“Wenn jemand durch die Gemeinschaft mit Heiligen und durch unfassbares Glück Glauben und Zuneigung zum Dienst für Kṛṣṇa (bhakti mārga) entwickelt hat, aber noch keine feste Anhaftung zum Herrn, aber doch etwas Loslösung von körperlichen Anhaftungen hat, dann ist solch eine Person geeignet sādhana bhakti auszuführen.“
Der Kandidat für rāgānugā wird wie folgt beschrieben:
rāgātmikaika niṣṭhā ye vrajavāsi janādayaḥ
teṣāṁ bhāvāptaye lubdho bhaved atrādhikāravān
(Bhakti Rasāmṛta Sindhu 1.2.291)
“Jemand, der einfach begierig nach unverfälschter, ekstatischer rāgātmikā bhakti-Liebe zu Kṛṣṇa – in der Art der Vrajavāsīs – ist, ist ein geeigneter Kandidat für rāgānugā bhakti.”
Der Unterschied zwischen den Kandidaten für vaidhi und rāgānugā bhakti ist der, dass die Befähigung zu vaidhi bhakti durch ‘śraddhā’ (faith) verursacht wird und die von rāgānugā bhakti durch ‘lobha’ (heilige Begierde).
Der Kandidat für vaidhi bhakti schreitet schrittweise in seinem sādhana voran, indem er Glauben in die Aussagen der Schriften behält. So entwickelt sich ruci, als Resultat einer ehrfurchtsvollen Haltung dem Herrn gegenüber, die mit śraddhā kombiniert ist.
Aber ruci bleibt ein zweitrangiger Faktor und sein bhajana basiert hauptsächlich auf śraddhā.
Und die Kandidaten für rāgānugā bhakti entwickeln Begierde nach dem Vorbild der süßen Gefühle der nitya siddha Vrajavāsīs.
Ihr ruci sādhana entwickelt sich langsam und trifft auf tiefen Glauben (śraddhā); aber hier bleibt śraddhā der zweitrangige Faktor und ruci der erstrangige.
Er führt einen bhajana aus, der die Form von śraddhā hat, in dem ruci erstrangig ist.
Dies ist definitiv unterschiedlich von der Art des śraddhā, die vaidhi bhakti hervorruft, und ist auch viel kraftvoller, weil die Vertiefung, die rāgānugā bhakti im Bewusstsein verursacht, niemals absichtlich stattfindet, da ruci eine innewohnende Funktion des Herzens ist.
Das ist der Unterschied zwischen Befähigung für vaidhi und rāgānugā bhakti.
Dennoch gibt es keinen Unterschied in der Ausführung von Hingabe oder bhajana selbst.
Mit anderen Worten, alle Bestandteile, die als Bestandteile für vaidhi bhakti genannt werden, wie Hören und Chanten, werden ebenso in rāgānugā bhakti (der Autor wird dies später noch beschreiben) praktiziert. (4)
